Der erhaltene Text
Zwei Blätter, ein Appell
German source
Geliebte Mutti,
dieses sind nun die letzten Zeilen, die ich an Dich sende, bevor wir wieder ganz zusammen sind. Lasse Dir den Fortgang nicht schwer fallen. Es ist draussen auch schön ohne Geld, man ist wieder Mensch, bedenke das immer. Deine Kinder haben Dich so lieb, dass es für Dich ein 1000 Mal besseres Leben mit uns sein wird.
Wir geben viel auf und lassen noch mehr an traurigen und schönen Erinnerungen zurück. Für uns bleibt es nun vorwärts-sehen. Wir wollen es schaffen und werden es schaffen. Der liebe Gott wird uns nicht verlassen. Grüsse und küsse alle Verwandten nochmals recht fest von mir. Kopf hoch, nicht weinen, immer daran denken, dass es uns vergönnt sein wird zusammen zu bleiben, davon soll uns nichts abhalten. Nun auf Wiedersehen und Küssen.
Dein Dich innig liebender Sohn Dolf.
English translation
St Moritz, 26/11/38
Carlton Hotel
E. Scherz, Dir.
Dear Mum,
These are now the last lines that I’m sending to you before we’re all together once more. Don’t let the progress be too hard for you. It’s also nice outside without money, one is a person again, always keep that in mind. Your children love you so much, that it will be a thousand times better life for you with us.
We’re giving a lot up and leaving more and more sad and nice memories behind. For us that means only looking forward. We want to make it work and will make it work. Dear God will not abandon us. Greetings and kisses yet again from us to all relatives, nice and tight. Hold your head high, do not show, always think that it will be granted for us to stay together, nothing should keep us from that. Well, goodbye and kisses.
Your you-ever-praising,
son Dolf
English translation by Rabbi Dr. Esther Jilovsky.
Objekt: Zwei handschriftliche Blätter auf Briefpapier des Carlton Hotels in St. Moritz, in Familienbesitz erhalten.
Datum: Gelesen als 26.11.38 — 26. November 1938.
Text: Die Transkription wurde anhand von Fotografien der in Familienbesitz befindlichen Blätter erstellt.
Übersetzungen: Die englische Übersetzung stammt von Rabbinerin Dr. Esther Jilovsky. Eine hebräische Übersetzung des Briefes liegt nicht vor.
Darstellung: Die Fotografien zeigen die Originalblätter in Familienbesitz. Transkription und namentlich zugeschriebene Übersetzung sind gesonderte Lesehilfen.
Den Brief hören
Der Brief auf Deutsch vorgelesen
Hören Sie den deutschen Text; die Untertitel auf dem Bildschirm folgen der Lesung.
Diese Lesung ist eine für das Archiv erstellte KI-Stimmrekonstruktion. Sie ist keine historische Aufnahme und nicht Dolfs Stimme.
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Übersetzung von Rabbinerin Dr. Esther Jilovsky.Dolf schrieb siebzehn Tage nach dem Novemberpogrom. Gewalt, Verhaftung und Zwangsverkäufe hatten die Gefahr unübersehbar gemacht.
Adolf „Dolf“ Reichenbach fehlten neunzehn Tage bis zu seinem vierundzwanzigsten Geburtstag. Er bat seine Mutter Margarete, die Ausreise aus Deutschland nicht zu fürchten, und dachte die Familie schon wieder beisammen.
Es gibt keine hebräische Übersetzung des Briefes; der deutsche Text ist die Quelle, das Englische ist die Übersetzung von Rabbinerin Dr. Esther Jilovsky.
Vor dem Brief
November 1938 in Halberstadt und Wernigerode
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 lenkten nationalsozialistische Führungsstellen einen staatlich gelenkten Angriff auf das jüdische Leben in Deutschland und in den annektierten Gebieten. Ausgrenzung durch Gesetz war zu organisiertem Massenterror geworden.
In Halberstadt wurde die barocke Synagoge, die seit 1712 stand, geschändet. Am 18. November ordnete die Stadt den Abriss auf Kosten der jüdischen Gemeinde an. Fritz Reichenbach wurde am 10. November in Wernigerode verhaftet, nach Buchenwald gebracht und dort am 22. November ermordet.
Zuletzt geprüft: 4. September 2026.
Historischer Zusammenhang: United States Holocaust Memorial Museum · Jüdisches Halberstadt: Gedenkorteintrag
Dolf leugnet den Verlust nicht. „Wir geben viel auf“, schreibt er. Dennoch konnte das Leben außerhalb Deutschlands, selbst ohne Geld, Würde bereithalten.
Er hält keine Rede. Er bittet Mutti zu gehen. Der Brief wiederholt eine Aufforderung: Kopf hoch, hier auf Englisch mit „Hold your head high“ wiedergegeben.
Durch diese Familie
Die Flucht hing von Menschen ab, die schon außerhalb Deutschlands waren.
Ruth und Albert Rothschild waren schon in den Vereinigten Staaten, bevor Dolfs und Margaretes amerikanische Dokumentenspur vollständig wurde. Susan erinnert sich, dass Alberts Freund Max Dolfs Übersiedlung schriftlich unterstützte. Der Brief wurde nicht gefunden, Max’ vollständige Identität ist unbekannt, und die Passagierlisten klären die endgültige Abfolge nicht.
Amerikanische Einwanderungsbehörden verlangten von Flüchtlingen oft den Nachweis, dass sie der öffentlichen Hand nicht zur Last fallen würden, häufig durch eine eidesstattliche Erklärung oder Unterstützung aus den Vereinigten Staaten. Ein Mensch, der schon draußen war, konnte die Flucht möglich machen.
Quellen und weiterer Zusammenhang: Oral History mit Susan Reichenbach Heyman, 5. August 2026 · USHMM: The United States and the Refugee Crisis