Breite Straße 7 · der Name auf dem Glas

Der Wernigeröder Zweig

Die Geschäftsfront von J. Reichenbach, Breite Straße 7, Wernigerode, fotografiert 1938.Quelldatensatz öffnen WERN-1938

Breite Straße 7

Jeanettes Name über den Fenstern

„J. Reichenbach“ stand über Jeanettes Schaufenstern in der Breiten Straße 7. Sie, Gustav, Fritz, Martha und Werner machten diese zweite Harzer Adresse zu einem Teil derselben Familiengeschichte.

Das große Schild stand nicht für eine abstrakte Firma. Es trug den Anfangsbuchstaben von Jeanette Reichenbach.

Göttingen · 4. Juni 1883

Gustavs Heiratseintrag nennt seine Eltern

Als Salomon Gustav Reichenbach Jeanette Rosenbaum heiratete, bezeichnete der Standesbeamte ihn als in Halberstadt geborenen Sohn des verstorbenen Kaufmanns Jacob Reichenbach und der Helene geborene Heynemann.

Gustav war Adolfs Bruder. Der Heiratseintrag verbindet den Wernigeröder Haushalt unmittelbar mit der Familie Reichenbach in Halberstadt.

Der Zivilstandseintrag weist Salomon Gustav Reichenbach als in Halberstadt geborenen Sohn des verstorbenen Kaufmanns Jacob Reichenbach und der Helene geborene Heynemann aus und Jeanette Rosenbaum als Tochter von Abraham Rosenbaum und Bertha geborene Grunsfeld. Gustav und Jeanette unterschrieben den Eintrag gemeinsam mit den Zeugen. Er verbindet den Wernigeröder Haushalt mit der Halberstädter Familie von Jacob und Helene, beschreibt aber nicht die späteren Geschäftsabsprachen zwischen den beiden Geschäften.RB-SCAN-008
Diese zweite Ansicht des Zivilstandseintrags von 1883 bewahrt die Unterschriften von Gustav Reichenbach, Jeanette Rosenbaum und der Zeugen. Ihre Hände vollendeten den amtlichen Eintrag und verbanden die beiden Haushalte rechtlich miteinander. Die Unterschriften belegen die Mitwirkung, beschreiben aber nicht die späteren Geschäftsabsprachen des Paars.RB-SCAN-008b

Die entscheidende Familienzeile · deutsches Original und englische Übersetzung

„Salomon Gustav Reichenbach … geboren zu Halberstadt … Sohn des zu Halberstadt verstorbenen Kaufmanns Jacob Reichenbach und dessen Ehefrau Helene geborene Heynemann.“

“Salomon Gustav Reichenbach … born at Halberstadt … son of the late merchant Jacob Reichenbach of Halberstadt and his wife Helene née Heynemann.”

Quelle: Stadtarchiv Göttingen, Heiratshauptregister 1883, C 39 Nr. 164. Die Schreibweise Heynemann entspricht diesem Eintrag.

1869 · ein Haus in zwei Städten

Adolph zeichnete für die Wernigeröder Niederlassung

Eine amtliche Bekanntmachung registrierte Wernigerode noch zu Jacobs Lebzeiten als Niederlassung des Halberstädter Hauses. Sie bevollmächtigte Adolph Reichenbach, mit pp. J. Reichenbach zu zeichnen, und verortet das Familienunternehmen spätestens am 19. Februar 1869 in beiden Harzstädten.

Die Bekanntmachung belegt die Niederlassung. Für sich allein identifiziert sie nicht das spätere Geschäft in der Breiten Straße 7.

Die Bekanntmachung vom 19. Februar 1869 registriert Wernigerode als Zweigniederlassung des Halberstädter Hauses, noch zu Lebzeiten Jacob Reichenbachs. Unter Prokura Nr. 12 wurde Adolph Reichenbach ermächtigt, „pp. J. Reichenbach“ zu zeichnen. Damit verbindet der Beleg die beiden Harzstädte zu Jacobs Lebzeiten zu einem Geschäft.RB-SCAN-GAZ-1869

Geschäft und Inhaberin

Jeanette führte das Geschäft weiter

Wernigerode hatte jüdischen Zuzug lange ausgeschlossen. Eine auf kommunalen Unterlagen beruhende Regionalgeschichte zählt Gustav 1874 zu den ersten unter preußischer Herrschaft zugelassenen Juden. 1876/77 ist er in der Breiten Straße 697, heute Nr. 7, verzeichnet.

Jeanettes Mitgift half beim Aufbau des Geschäfts. Die vorliegende Forschung betont, dass Jeanette—nicht Gustav—das Geschäft besaß und seine Inhaberin blieb; bis in die 1930er Jahre saß sie an der Kasse. Gustav meldete die Firma an und war Geschäftsführer. Ihr einziger Sohn Fritz übernahm schließlich den Betrieb.

Das Ladenfoto von 1938 ist eine Forschungsakzession aus externer Quelle. Das Archiv nennt die Quelle und räumt keine nachgelagerten Nutzungsrechte an der Fotografie ein.

Die Adresse im Lauf der Zeit

Ein erhaltenes Gebäude, vier Namen

Das Schaufensterfoto von 1938 und Daniels heutige Forschungsfotografie halten die Geschäftsadresse über die Zeit hinweg sichtbar.

Die Geschäftsfront von J. Reichenbach, Breite Straße 7, Wernigerode, fotografiert 1938.Quelldatensatz öffnen WERN-1938
Diese moderne Fotografie zeigt das Wernigeröder Gebäude, in dem Jeanette und Fritz Reichenbach das Familiengeschäft führten. Vier Stolpersteine liegen heute vor der erhaltenen Ladenfront. Das Gebäude verbindet die Adresse mit der heutigen Straße, doch sein gegenwärtiges Erscheinungsbild ist kein Beleg für die Innenausstattung der 1930er Jahre.RB-PHO-0054

Vier Leben in der Breiten Straße 7

Jeanette, Fritz, Martha und Werner

Vier Leben, ein Haus. Fritz’ Tod steht im Buchenwalder Register: 22. November 1938. Jeanette wurde im September 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb sechs Wochen später. Marthas Stolperstein und die Berliner Transportliste widersprechen einander; eine Auschwitz-Aufnahmekarte wurde nicht gefunden. Werner baute in Brasilien ein neues Leben auf.

Der Stein verzeichnet Jeanette Reichenbachs Deportation nach Theresienstadt und ihren Tod dort am 25. Oktober 1942. Er liegt vor dem Wernigeröder Haus, in dem Jeanette das Geschäft führte. Er nennt Deportation und Tod, bewahrt aber nicht das halbe Zimmer und die Miete, die in ihren Berliner Papieren verzeichnet sind.Quelldatensatz öffnen RB-EXT-CC-0003

Jeanette Reichenbach

Jeanette führte das Geschäft in der Breiten Straße 7. Sie war zweiundachtzig, als der Transport sie nach Theresienstadt brachte; dort starb sie am 25. Oktober 1942.

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Der Stein verzeichnet Fritz Reichenbachs Verhaftung, seine Haft in Buchenwald und seinen Tod dort am 22. November 1938. Er wurde vor dem Wernigeröder Haus verlegt, in dem Fritz gewohnt und das Geschäft geführt hatte. Er ist ein öffentliches Denkmal, nicht die Lagerakte, die die Einzelheiten von Haft und Tod verzeichnet.Quelldatensatz öffnen RB-EXT-CC-0002

Fritz Reichenbach

Einziger Sohn von Gustav und Jeanette. Am 10. November 1938 während des Novemberpogroms verhaftet; am 22. November 1938 in Buchenwald getötet.

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Diese Fotografie zeigt den Stolperstein, der am 14. April 2009 für Martha Reichenbach in der Breiten Straße 7 verlegt wurde. Seine Inschrift lautet „tot 1944 bei Bombenangriff“. Die Gestapo- und Berliner Deportationsakte setzt sie dagegen auf den 33. Osttransport vom 3. März 1943, für Auschwitz klassifiziert; der Stein ist eine lokale Gedenkinschrift und kein Beleg für ihre letzte Stunde oder für eine Registrierung bei der Ankunft.Quelldatensatz öffnen RB-EXT-CC-0004

Martha Reichenbach geborene Pohly

Fritz’ Frau und Werners Mutter. In Berlin zur Arbeit gezwungen; die erhaltenen Berichte über ihren Tod widersprechen einander.

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Dieser moderne Gedenkstein liegt vor dem Wernigeröder Haus von Werner Reichenbachs Familie. Die Inschrift nennt seine Flucht 1939 und sein Überleben in Brasilien. Sie markiert diese Tatsachen im öffentlichen Raum, erzählt aber nicht das spätere Leben, das er sich dort aufbaute.Quelldatensatz öffnen RB-EXT-CC-0005

Werner Reichenbach

1914 in Wernigerode geboren. Entkam 1939 mit seiner Frau Margarete und baute in Brasilien ein neues Leben auf.

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Das Verzeichnis der jüdischen Gemeindeverwaltung 1932/33 nennt „J. Reichenbach“ als dritten Vorsitzenden des Wernigeröder Gemeindevorstands. In diesem Zusammenhang ist J. Reichenbach der Hausname des Bekleidungsgeschäfts Breite Straße 7. Fritz führte damals das Geschäft, doch diese Zeile allein beweist nicht, dass Fritz persönlich das Amt innehatte.Quelldatensatz öffnen RB-DOC-0225

Jüdisches Gemeindeleben · 1932–33

Der Hausname erscheint im Gemeindevorstand

Ein reichsweites Verzeichnis nennt „J. Reichenbach“ als dritten Vorsitzenden des Vorstands der jüdischen Gemeinde Wernigerode. In dieser Stadt und in diesem Jahr bezeichnet das das Geschäftshaus in der Breiten Straße 7.

Fritz führte das Geschäft zu diesem Zeitpunkt, doch die gedruckte Zeile nennt nur den Hausnamen. Ohne eine zweite Quelle darf sie nicht Fritz persönlich zugeschrieben werden.

26. August 1938

Der Zwangsverkauf in den Worten der Urkunde

Fritz’ Urkunde verzeichnet mehr als einen Eigentümerwechsel. Paragraph 7 hält fest, dass er „Jude ist“ und das Rechtsgeschäft nach der Verordnung über jüdisches Vermögen vom April 1938 der Genehmigung der höheren Verwaltungsstelle bedurfte.

Klausel 7 stellt fest, der Verkäufer „ist Jude“, und beruft sich auf die Verordnung von 1938 über das jüdische Vermögen. Die Seite des Notars macht den rassistischen Zwang innerhalb des Verkaufs von Fritz Reichenbachs Haus ausdrücklich. Sie belegt die rechtliche Bedingung, die dem Geschäft auferlegt wurde, offenbart aber kein freies Marktgeschäft.RB-SCAN-007
Die erste Seite der Urkunde von 1938 nennt Fritz Reichenbach als Verkäufer des Wernigeröder Grundstücks Breite Straße 7. Fritz und die Beteiligten des Notariats brachten die Übertragung in eine rechtliche Urkunde, während antisemitisches Recht den Verkauf einschränkte. Die Seite benennt Grundstück und Parteien, doch die Rassenklausel folgt erst später in der Urkunde.RB-SCAN-006
Diese zweite Seite setzt die Bedingungen für die Übertragung des Grundstücks Breite Straße 7 fort. Fritz und die übrigen Parteien blieben in dasselbe notarielle Geschäft eingebunden. Die Seite gehört zum Nachweis des Zwangsverkaufs, kann aber nicht losgelöst von der identifizierenden ersten Seite und der Klausel zum Rassenrecht gelesen werden.RB-SCAN-006b

„… dass der Erschienene zu 2 Jude ist und dass … die Genehmigung der höheren Verwaltungsstelle für dieses Rechtsgeschäft notwendig ist.“

“That the person appearing as no. 2 is a Jew, and that the approval of the higher administrative authority is required for this transaction.”

Elf Wochen später wurde Fritz verhaftet; er starb in Buchenwald vier Tage bevor Dolf den St.-Moritz-Brief schrieb.

Diese Todesfallanzeige des Ghettos verzeichnet den Tod von Jeanette Reichenbach geb. Rosenbaum am 25. Oktober 1942, sechs Wochen nach der Deportation. Lagerbeamte trugen „Enteritis acuta — Darmkatarrh“ als Ursache ein. Die Anzeige fixiert Datum und Wortlaut der Verwaltung, ist aber kein unabhängiger medizinischer Bericht über einen Tod unter Hunger, Enge und Vernachlässigung.RB-SCAN-005

Verfolgung und auseinandergehende Wege

Die Familie verließ Deutschland nicht gemeinsam

Fritz wurde 1938 in Buchenwald ermordet. Jeanette wurde im September 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb sechs Wochen später. Martha musste Zwangsarbeit leisten. Auf dem Stolperstein in der Breiten Straße 7 steht tot 1944 bei Bombenangriff; ihre OFP-Akte und die Berliner Liste verzeichnen sie auf dem 33. Osttransport vom 3. März 1943 mit Zielkategorie Auschwitz. Eine Auschwitz-Aufnahmekarte oder Häftlingsnummer wurde nicht gefunden.

Werner und seine Frau Margarete entkamen 1939. Ihr Überleben in Brasilien gehört zu derselben fortlaufenden Familiengeschichte wie Dolfs Wiederaufbau eines Lebens in den Vereinigten Staaten.

Hauptquellen

Den Belegen folgen