Jeanette Reichenbach
Jeanette führte das Geschäft in der Breiten Straße 7. Sie war zweiundachtzig, als der Transport sie nach Theresienstadt brachte; dort starb sie am 25. Oktober 1942.
Jeanettes Biografie lesen →Breite Straße 7 · der Name auf dem Glas
Breite Straße 7
„J. Reichenbach“ stand über Jeanettes Schaufenstern in der Breiten Straße 7. Sie, Gustav, Fritz, Martha und Werner machten diese zweite Harzer Adresse zu einem Teil derselben Familiengeschichte.
Das große Schild stand nicht für eine abstrakte Firma. Es trug den Anfangsbuchstaben von Jeanette Reichenbach.
Göttingen · 4. Juni 1883
Als Salomon Gustav Reichenbach Jeanette Rosenbaum heiratete, bezeichnete der Standesbeamte ihn als in Halberstadt geborenen Sohn des verstorbenen Kaufmanns Jacob Reichenbach und der Helene geborene Heynemann.
Gustav war Adolfs Bruder. Der Heiratseintrag verbindet den Wernigeröder Haushalt unmittelbar mit der Familie Reichenbach in Halberstadt.
Die entscheidende Familienzeile · deutsches Original und englische Übersetzung
„Salomon Gustav Reichenbach … geboren zu Halberstadt … Sohn des zu Halberstadt verstorbenen Kaufmanns Jacob Reichenbach und dessen Ehefrau Helene geborene Heynemann.“
“Salomon Gustav Reichenbach … born at Halberstadt … son of the late merchant Jacob Reichenbach of Halberstadt and his wife Helene née Heynemann.”
Quelle: Stadtarchiv Göttingen, Heiratshauptregister 1883, C 39 Nr. 164. Die Schreibweise Heynemann entspricht diesem Eintrag.
1869 · ein Haus in zwei Städten
Eine amtliche Bekanntmachung registrierte Wernigerode noch zu Jacobs Lebzeiten als Niederlassung des Halberstädter Hauses. Sie bevollmächtigte Adolph Reichenbach, mit pp. J. Reichenbach zu zeichnen, und verortet das Familienunternehmen spätestens am 19. Februar 1869 in beiden Harzstädten.
Die Bekanntmachung belegt die Niederlassung. Für sich allein identifiziert sie nicht das spätere Geschäft in der Breiten Straße 7.
Geschäft und Inhaberin
Wernigerode hatte jüdischen Zuzug lange ausgeschlossen. Eine auf kommunalen Unterlagen beruhende Regionalgeschichte zählt Gustav 1874 zu den ersten unter preußischer Herrschaft zugelassenen Juden. 1876/77 ist er in der Breiten Straße 697, heute Nr. 7, verzeichnet.
Jeanettes Mitgift half beim Aufbau des Geschäfts. Die vorliegende Forschung betont, dass Jeanette—nicht Gustav—das Geschäft besaß und seine Inhaberin blieb; bis in die 1930er Jahre saß sie an der Kasse. Gustav meldete die Firma an und war Geschäftsführer. Ihr einziger Sohn Fritz übernahm schließlich den Betrieb.
Das Ladenfoto von 1938 ist eine Forschungsakzession aus externer Quelle. Das Archiv nennt die Quelle und räumt keine nachgelagerten Nutzungsrechte an der Fotografie ein.
Die Adresse im Lauf der Zeit
Das Schaufensterfoto von 1938 und Daniels heutige Forschungsfotografie halten die Geschäftsadresse über die Zeit hinweg sichtbar.
Vier Leben in der Breiten Straße 7
Vier Leben, ein Haus. Fritz’ Tod steht im Buchenwalder Register: 22. November 1938. Jeanette wurde im September 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb sechs Wochen später. Marthas Stolperstein und die Berliner Transportliste widersprechen einander; eine Auschwitz-Aufnahmekarte wurde nicht gefunden. Werner baute in Brasilien ein neues Leben auf.
Jeanette führte das Geschäft in der Breiten Straße 7. Sie war zweiundachtzig, als der Transport sie nach Theresienstadt brachte; dort starb sie am 25. Oktober 1942.
Jeanettes Biografie lesen →Einziger Sohn von Gustav und Jeanette. Am 10. November 1938 während des Novemberpogroms verhaftet; am 22. November 1938 in Buchenwald getötet.
Fritz’ Biografie lesen →Fritz’ Frau und Werners Mutter. In Berlin zur Arbeit gezwungen; die erhaltenen Berichte über ihren Tod widersprechen einander.
Marthas Biografie lesen →1914 in Wernigerode geboren. Entkam 1939 mit seiner Frau Margarete und baute in Brasilien ein neues Leben auf.
Werners Biografie lesen →Jüdisches Gemeindeleben · 1932–33
Ein reichsweites Verzeichnis nennt „J. Reichenbach“ als dritten Vorsitzenden des Vorstands der jüdischen Gemeinde Wernigerode. In dieser Stadt und in diesem Jahr bezeichnet das das Geschäftshaus in der Breiten Straße 7.
Fritz führte das Geschäft zu diesem Zeitpunkt, doch die gedruckte Zeile nennt nur den Hausnamen. Ohne eine zweite Quelle darf sie nicht Fritz persönlich zugeschrieben werden.
26. August 1938
Fritz’ Urkunde verzeichnet mehr als einen Eigentümerwechsel. Paragraph 7 hält fest, dass er „Jude ist“ und das Rechtsgeschäft nach der Verordnung über jüdisches Vermögen vom April 1938 der Genehmigung der höheren Verwaltungsstelle bedurfte.
„… dass der Erschienene zu 2 Jude ist und dass … die Genehmigung der höheren Verwaltungsstelle für dieses Rechtsgeschäft notwendig ist.“
“That the person appearing as no. 2 is a Jew, and that the approval of the higher administrative authority is required for this transaction.”
Elf Wochen später wurde Fritz verhaftet; er starb in Buchenwald vier Tage bevor Dolf den St.-Moritz-Brief schrieb.
Verfolgung und auseinandergehende Wege
Fritz wurde 1938 in Buchenwald ermordet. Jeanette wurde im September 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb sechs Wochen später. Martha musste Zwangsarbeit leisten. Auf dem Stolperstein in der Breiten Straße 7 steht tot 1944 bei Bombenangriff; ihre OFP-Akte und die Berliner Liste verzeichnen sie auf dem 33. Osttransport vom 3. März 1943 mit Zielkategorie Auschwitz. Eine Auschwitz-Aufnahmekarte oder Häftlingsnummer wurde nicht gefunden.
Werner und seine Frau Margarete entkamen 1939. Ihr Überleben in Brasilien gehört zu derselben fortlaufenden Familiengeschichte wie Dolfs Wiederaufbau eines Lebens in den Vereinigten Staaten.
Hauptquellen