Judenstraße, Synagogenviertel und die Stadt um die Familie
Jüdinnen und Juden in Halberstadt
Eine wiederholt neu aufgebaute Gemeinde
Die Judenstraße trug Erinnerung, bevor das Kaufhaus eröffnete
Die Reichenbachs eröffneten ihr Bekleidungshaus in einer Stadt, in der jüdische Familien seit Jahrhunderten beteten, handelten, lernten und neu begannen. Ihre Straßen gehörten zu einer viel älteren Gemeinde.
Jüdische Anwesenheit ist 1261 belegt. Auf Vertreibungen im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit folgten Rückkehr und Neuanfang. 1669 zerstörten Soldaten und ein Mob die Synagoge in der Judenstraße. Die Gemeinde erstritt vor Gericht Entschädigung, doch die Genehmigung zum Wiederaufbau blieb ihr verwehrt.
Unsichere Rechte und der Wille, neu zu beginnen, prägten Halberstadt lange bevor Jacob Reichenbachs Geschäft eröffnete.
Lilly Cohn · 1928 in Halberstadt geboren
Ein weiterer Haushalt erinnert dieselbe Stadt.
Lillyan Rosenbergs Oral History beim USHMM bewahrt Kindheitserinnerungen an orthodoxes Familienleben, eine Leinenfabrik und ein Geschäft, den Novemberpogrom, die Haft ihres Vaters in Buchenwald, den Kindertransport und das Überleben im Ausland.
Ihre Familie wird nicht als dokumentierter Reichenbach-Zweig dargestellt. Das Zeugnis erweitert den Blick von einem Haushalt auf ein jüdisches Kind derselben Generation, das Halberstadt kannte, bevor Verfolgung seine Familie auseinanderriss.
Eine Stadt, in Farbe und Druck nah gehalten
Das Halberstadt, das sie bewahrten
Dolf und Mutti liebten Aussehen und Gefühl Halberstadts. Ein signiertes Walter-Gemm-Gemälde von 1926 und neun noch in der Familie befindliche Drucke bewahren Straßen, Märkte und dicht stehende Häuser ihrer Erinnerung.
Acht Drucke blieben bei Daniels Vater; ein weiterer ist bei seiner Tante. Zusammen mit dem Gemälde zeigen sie, wie tief die Familie der Stadt verbunden blieb.
Bilder und ihre Familiengeschichte ansehenBerend Lehmann und das Viertel
Ein Zentrum von Lernen, Gebet und Handel
Issachar Berend Lehmann förderte eine Klaus, half den Druck des Babylonischen Talmud zu finanzieren und unterstützte die 1712 eingeweihte Synagoge. Um sie wuchsen Schulen, Ritualbad, Häuser, Handel, Wohltätigkeit und Gelehrsamkeit.
Halberstadt brachte später sowohl Israel Jacobson, einen Wegbereiter des Reformjudentums, als auch Esriel Hildesheimer, eine prägende Figur der modernen Orthodoxie, hervor. Das jüdische Leben der Stadt entzieht sich einem einzigen Etikett.
Ein verschwundener Gebetsraum
Durch ihre Bilder lässt sich die Synagoge noch betreten.
Die erhaltene visuelle Überlieferung ist ungewöhnlich reich. Eine Fotografie zeigt das Gebäude im Häuserblock der Bakenstraße; eine weitere bewahrt die barocke Anordnung des Innenraums. Käthe Lipkes Aquarell ergänzt, was Schwarz-Weiß-Fotografie nicht geben kann: einen maßvollen Eindruck seiner Farben.
Öffnen Sie jedes Bild für Quelle und Rechte.
Offene historische Quellen
Eine Stadt konkurrierender jüdischer Modernen
Halberstadt brachte Persönlichkeiten sowohl des frühen Reformjudentums als auch der modernen Orthodoxie hervor. Rabbiner Benjamin Hirsch Auerbach bewahrte zudem die eigene dokumentarische Geschichte der Gemeinde. Quellen- und Rechteangaben bleiben an jedem Bild.
„Halberstadt“ in The Jewish Encyclopedia, Bd. 6 (1904), S. 164–166 lesen ↗
Was noch zu Fuß erreichbar ist
Klaus, Mikwe, Friedhof und der leere Synagogengrund
Das jüdische Viertel ist mehr als der Ort einer zerstörten Synagoge. Klaus und Mikwe halten Orte des Lernens und Rituals sichtbar. Der Friedhof bewahrt Generationen von Namen; der Grundriss der Synagoge legt Abwesenheit unter die Füße.
Der Halberstädter Lesesaal
Mit der Stadt beginnen. Dann den Belegen nach außen folgen.
Diese Auswahl stammt aus der Kontextstudie des Archivs vom August 2026. Sie verbindet eine zugängliche Familien- und Gemeindegeschichte, dokumentarische Nachschlagewerke, einen nahezu zeitgenössischen Lexikonartikel und moderne Forschung. Die Links öffnen das Werk selbst oder den hilfreichsten Katalogdatensatz.
The Jews of Halberstadt: A Community History in European Context, 1261–2026
Die für das Reichenbach Family Archive im August 2026 erstellte erweiterte Ausgabe vereint die vollständige Kontextgeschichte, neunzehn lokal gehostete und ausgewiesene Abbildungen, Chronologie, Forschungsleitfaden, Lizenzanhang und Bibliografie. Sie ist eine quellengestützte interpretative Übersicht—kein Primärdokument—und führt zu den Fachwerken darunter.
Vollständige englische Studienausgabe →The Jewish Encyclopedia: „Halberstadt“
Gotthard Deutsch und B. Auerbach, Bd. 6, God–Istria (1904), S. 164–166. Ein nahezu zeitgenössischer Bericht über die Gemeinde bis 1903, als Nachschlagewerk und zeitgebundenes Dokument zu lesen.
Hier beginnen · Deutsch · 328 SeitenSabine Klamroth, „Erst wenn der Mond bei Seckbachs steht“
Juden im alten Halberstadt, 2., überarbeitete Auflage (Metropol, 2014), ISBN 978-3-86331-208-4. Eine zugängliche, lokal verankerte Geschichte entlang von Familien, Straßen und Alltag.
Dokumentarisches Nachschlagewerk · Deutsch · 6 BändeWerner Hartmann, Hg., Juden in Halberstadt
Geschichte, Ende und Spuren einer ausgelieferten Minderheit (1988–1996). Gedenkdokumentation und Deportationslisten: unverzichtbar für Namen, aber nicht als fortlaufende Erzählung angelegt.
Digitalisierte Primärquelle · Deutsch · 1866Benjamin Hirsch Auerbach, Geschichte der israelitischen Gemeinde Halberstadt
Die Geschichte der eigenen Gemeinde aus der Feder eines amtierenden Halberstädter Rabbiners. Der Anhang bewahrt Briefe und Dokumente, die sonst verloren sein könnten.
Open Access · moderne ForschungPhilipp Graf, Ausgeschlagenes Erbe
Die jüdische Geschichte Halberstadts in der DDR (2025). Die wesentliche Studie zum Umgang mit jüdischer Geschichte und Erinnerung der Stadt nach 1945.
Interaktiv · vom Museum verfasst · Deutsch und EnglischDigitaler Rundgang durch das jüdische Halberstadt
Der ortsbezogene Führer des Berend Lehmann Museums zu Klaus, Mikwe, Synagogenort, Friedhöfen und erhaltenem jüdischen Viertel.
Schnelle Orientierung · Fußnoten weiterverfolgenWikipedia: Halberstadt
Eine nützliche erste Übersicht über Stadtchronologie, Synagoge, jüdische Friedhöfe und Zerstörung von 1945. Die verlinkten Belege führen in die Fachliteratur.
Digitalisierte Bücher, Handschriften und ArchivunterlagenNational Library of Israel: Sammlungen zu Halberstadt
Ein Forschungsportal zu Gemeindeverwaltung, Familientafeln, Statuten, Handschriften, Fotografien und Büchern über das jüdische Halberstadt.
Institutionelle Forschung · fortlaufendForschung des Berend Lehmann Museums
Aktuelle Arbeit zu Halberstädter Familiengeschichten, den drei jüdischen Friedhöfen und dem verlorenen Inventar der Barocksynagoge.
Für einen weiteren deutsch-jüdischen Rahmen empfiehlt die Archivstudie besonders Michael A. Meyers vierbändige German-Jewish History in Modern Times, Mordechai Breuers Modernity Within Tradition und David Sorkins The Transformation of German Jewry, 1780–1840.
Handel und Bürgerschaft
Ein jüdisches Familienunternehmen konnte zutiefst deutsch, sichtbar jüdisch und ganz Teil seiner Stadt sein.
Keine erhaltene Quelle beschreibt, wie der Haushalt Reichenbach das Judentum praktizierte. Stadt-, Gemeinde- und Familienunterlagen zeigen dennoch die öffentlichen und jüdischen Welten um ihn.
Der Novemberpogrom in einer städtischen Akte
Gewalt wurde Verwaltung.
Die 1712 eingeweihte Synagoge wurde am 9.–10. November 1938 geschändet und geplündert. Nur weil Flammen die umliegenden Fachwerkhäuser bedroht hätten, wurde sie nicht angezündet. Am 18. November ordnete die Baupolizei den Abriss an; am folgenden Tag begannen die Arbeiten, für die die jüdische Gemeinde zahlen musste.
Die Akte reicht bis zum 29. Juni 1939 und dokumentiert Demontage und Wiederverwendung der Baumaterialien.
Abrissakte
Die Worte der Anordnung
„… dass das Gebäude in seinem heutigen Zustand eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung bedeutet.“
„… dass das Gebäude in seinem heutigen Zustand eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung bedeutet.“
Die Anordnung behandelte die durch antijüdische Gewalt geschaffene Ruine als baupolizeiliches Problem. Zudem beklagte sie—226 Jahre nach Einweihung der Synagoge—das Gebäude sei in dem engen Block „ohne Rücksicht“ errichtet worden und entziehe der Nachbarschaft „Luft und Licht“.
Zwei erhaltene Ansichten danach
Die Anordnung lässt sich neben ihren Folgen lesen.
Eine kleine Fotografie zeigt den geplünderten Innenraum; die andere Arbeiter beim Abtragen des geöffneten Dachs. Die genauen Signaturen und Fotografen sind ungelöst. Deshalb zeigt die Website die niedrig aufgelösten Forschungskopien ohne Vergrößerung und nennt diese Grenze in jedem Datensatz.
Die Fotografien sind Belege für dieses Gebäude, keine allgemeinen Illustrationen des Novemberpogroms. Ihr Quellenlink führt zur DenkOrt-Geschichte des Museums, während die Ermittlung der Einzelsignaturen fortgesetzt wird.
Zerstörung und was bleibt
Die Synagoge wurde geplündert; ihre Torarollen wurden zerstört oder bleiben verschollen.
Erhaltene Vorhallenwand, Klaus, Mikwenhaus, Friedhof, Synagogengrund und Gedenkorte bilden eine Erinnerungslandschaft. Das Familienarchiv ergänzt diese öffentlichen Spuren um private Fotografien, Geschäftsobjekte und Briefe. So können Besuchende zwischen Stadtgeschichte und den Belegen eines Haushalts wechseln.