Paul verkaufte Bekleidung am Hohen Weg 27, bestieg mit der Halberstädter Alpenvereinssektion Berge und übernahm Aufgaben in jüdischen Bürgervereinen. Mit Margarete zog er Ruth und Dolf groß.
Er führte das Geschäft, dessen Name über dem Hohen Weg 27 stand.GeschäfteNachtfassade (Englisch)Dolf
Pauls Berufsleben spielte sich im Bekleidungsgeschäft der Familie am Hohen Weg 27 und am Martiniplan 10 ab. Außerhalb des Geschäfts trat er 1909, im Gründungsjahr, der Halberstädter Sektion des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins bei und blieb mehr als zwei Jahrzehnte in ihren Mitgliederlisten. Seine Touren von 1931 und 1932 führten durch das Oberengadin und das Zugspitzgebiet.
1917 verlieh ihm die preußische Regierung das Verdienstkreuz für Kriegshilfe und adressierte ihn am Hohen Weg 27, in der Mitteilung als „Hoheweg“ gedruckt. Die Auszeichnung gehört zur Geschichte eines deutschen Juden, dessen öffentlicher Dienst und deutsche Staatsbürgerschaft vom Staat später bedeutungslos gemacht wurden.
Als Paul am 20. Oktober 1926 fünfzig Jahre alt wurde, ehrte ihn die überregionale Zeitung des Centralvereins öffentlich als langjährigen früheren Vorsitzenden der Halberstädter Ortsgruppe. Sie würdigte seinen unermüdlichen Einsatz im Kampf gegen Antisemitismus und seine Tätigkeit in vielen Ehrenämtern. Die Notiz gibt einer großen Familienfotografie, die als Feier seines fünfzigsten Geburtstags erinnert wird, dokumentarischen Kontext.
Zeitgenössische Adressbücher zeigen einen weiteren Teil von Pauls öffentlichem Leben. 1914 nennt das Verzeichnis Paul und Ernst Reichenbach als Inhaber von Pauls Damenmodegeschäft. 1928 führt es Paul in den Vorständen des Israelitischen Kinderhorts, einer jüdischen Kinderfürsorgeeinrichtung, und von Neweh Menuchoh, dem Verein des jüdischen Altersheims in Halberstadt; die Zeichensetzung nennt eine andere Person, nicht Paul, als Schatzmeister des Kinderhorts. Eine im September veröffentlichte Neujahrsliste des Keren Kajemeth verzeichnet für Paul und Ernst jeweils 10 Goldmark zugunsten des Jüdischen Nationalfonds. Diese Einträge belegen Pauls Verantwortung für die jüdische Gemeindefürsorge und seine Unterstützung dieser konkreten Sammlung; sie beschreiben nicht sein gesamtes religiöses oder politisches Leben.
Er half, den Hohen Weg 27 und den Martiniplan 10 zu einem Kaufhaus mit Glasdach auszubauen. In seinen letzten Monaten war er zugleich der erste bekannte Familiengenealoge. Am 17. April 1935 schrieb er an den Berufsgenealogen Rudolf Jakob Simonis, führte die Familie auf Gröbzig zurück und hielt Überlieferungen fest: Ein Urgroßvater sei mit den Preußen in den Krieg gezogen und angeblich an der Beresina gefallen; eine Vorfahrin habe den flüchtigen Leutnant Katte aufgenommen. Paul plante, den Friedhof in Gröbzig selbst zu untersuchen. Das Simonis-Archiv bewahrt Pauls unterschriebenen Brief unmittelbar vor einer nicht unterschriebenen Halberstädter Anfrage vom 4. Februar 1936. Da Paul zu diesem Zeitpunkt bereits tot war, spricht die Abfolge stark dafür, dass Simonis die Nachforschungen fortsetzte; die Urheberschaft der nicht unterschriebenen Seite lässt sich jedoch nicht sicher bestimmen.
Pauls Brief und die englische Übersetzung lesenPaul starb am 20. November 1935 um 19.30 Uhr in der Sedanstraße 52. Die Familie erinnert einen Herzinfarkt. Sechs Tage zuvor hatte die Erste Verordnung zum Reichsbürgergesetz festgelegt, wen das Regime als Juden einstufen würde. Zivilstandsregister, Friedhofsregister und Grabstein verzeichnen denselben Abend; sie nennen die Gesetze nicht als medizinische Todesursache.
Zwei Tage später gaben Margarete, Ernst, Ruth und Albert Rothschild sowie Adolf eine familiäre Todesanzeige in der Central-Verein-Zeitung auf. Sie ist eine bezahlte Todesanzeige, getrennt vom familienbewahrten Trauer-Album, und nennt keine Ämter.
Pauls Jahrzeit ist der 25. Marcheschwan. Zivilstandsregister, Friedhofsregister und Grabstein erlauben es, beide Kalender als ein Ereignis zu lesen. Die Worte der Inschrift — „Plötzlich ging er aus dieser Welt“ — bewahren, wie seine Frau, seine Kinder, seine Familie und sein Umfeld den Schock erinnerten.
Familie und Haushalt
Menschen, die mit diesem Leben verbunden sind
- Margarete Reichenbach née Liebenthal · Ehefrau
- Ruth Helene Reichenbach · Tochter
- Adolf “Dolf” Reichenbach · Sohn
- Ernst Reichenbach (Englisch) · Bruder und Geschäftspartner
- Jenny Liebenthal née Schottländer · Schwiegermutter
- Philipp Liebenthal · Schwiegervater
Quellen
Quellen
- Standesamtliche Geburts- und Sterberegister
- Halberstädter Adressbücher, 1914 und 1928
- Jüdische Rundschau, 21. September 1928, S. 538
- Auszeichnungsmitteilung von 1917
- Central-Verein-Zeitung, 22. Oktober 1926, S. 566
- Central-Verein-Zeitung, 22. November 1935, bezahlte familiäre Todesanzeige (RB-DOC-0226)
- Berichte der DAV-Sektion Halberstadt
- Reisepass
- Friedhofsregister und Grabstein
- Paul Reichenbach an Rudolf Jakob Simonis, 17. April 1935
- Leo Baeck Institute, Rudolf Jakob Simonis Collection, AR 7019 / MF 551
- Familienbericht zum Herzinfarkt
- Nürnberger Gesetze und Erste Verordnung, 15. September und 14. November 1935
Was ungeklärt bleibt
Die Quellen belegen Pauls Berufs-, Vereins- und Gemeindeleben in ungewöhnlicher Dichte. Nicht belegt sind eine persönliche Ausstoßung aus dem Alpenverein, der genaue Anlass seiner Kriegshilfeauszeichnung, die Herkunft des herzoglichen Hoflieferantentitels oder die historischen Kerne der von ihm 1935 aufgezeichneten Berezina- und Katte-Überlieferungen. Die Familie erinnert einen Herzinfarkt; die bekannten amtlichen Unterlagen nennen keine medizinische Ursache.